1922 - 1945: Die Anfänge
Am 8. November 1922 trafen sich im Saal 14 der Technischen Hochschule Braunschweig einige Studenten und Assistenten. Beflügelt durch die Erfolge der Hannoveraner Akaflieg, die den alten Segelflugdauerrekord von 21 Minuten innerhalb einer Woche erst auf eine, dann auf zwei und kurz darauf bis auf 3 Stunden und 6 Minuten verbesserten, gründeten sie die "Flugwissenschaftliche Vereinigung an der Technischen Hochschule zu Braunschweig". Noch im selben Jahr wurde mit dem Bau des Segeldoppeldeckers SB1 (Segelflugzeug Braunschweig 1) begonnen.
Im März 1923 machte die SB1 mit dem Namen "Storch" schon ihre ersten Sprünge vom Braunschweiger Nußberg. Da im Herbst 1923 am Röhnwettbewerb teilgenommen werden sollte, suchte man ein geeignetes Übungsgelände und wählte den Langenberg bei Bad Harzburg aus. Bei den ersten Flügen im Mai ging dort leider die SB1 zu Bruch. Am Röhnwettbewerb sollte trotzdem teilgenommen werden und so entschloß sich die Gruppe zum Bau der SB 2 "Heinrich der Löwe". Dieser Segeleindecker mit Flügelverwindung war das Ergebnis der ersten Diplomarbeit auf dem Gebiet der Segelflugtechnik an der Technischen Hochschule. Aus den Trümmern der SB1 wurde die SB3 "Brockenhexe" gebaut und so konnte man mit zwei Flugzeugen im Herbst am Wettbewerb teilnehmen. In diesem Jahr konnte die Gruppe auch noch ihr erstes Heim beziehen. Die technische Hochschule stellte den noch nicht ganz fertiggestellten Bau für das Flugtechnische Institut am Bienroder Weg, heute Institut für Strömungsmechanik, zur Verfügung.
Das Verhältnis von Aufwand zu Erfolg beim Segelflug und die Entfernung zu geeigneten Hangfluggeländen ließen Anfang 1924 die ersten Pläne über die Motorfliegerei aufkommen. Als erstes Motorflugzeug sollte eine alte Rumpler-Taube wieder instand gesetzt werden. Hierzu wurde von der Stadt Goslar ein Motor gespendet. Anschließend baute man aus dem geschenkten 70 PS Argus-Motor und einer Tiefdeckerzelle des Typs Heinkel He 18 die MB 4 (Motorflugzeug Braunschweig) die im Juli 1924 auf den Namen "Braunschweig" getauft wurde. Im gleichen Jahr gründeten die Motorflugtreibenden Vereinigungen der Technischen Hochschulen die IDAFLIEG (Interessengemeinschaft Deutscher Akademischer Fliegergruppen).
Durch den Erfolg mit der Motorfliegerei bekam die Gruppe regen Zulauf, so daß man sich schon im Frühjahr 1925 nach einem weiteren Motorflugzeug umsah. Bis zum Sommer entstand unter der Leitung des neuen Werkstattleiters Karl Kadziora aus dem Bruch eines Mark-Hochdeckers die MB 5 "Wolfenbüttel". Da die Gruppe die Anerkennung als gewerbliches Unternehmen erhalten hatte, konnten Reklame- und Fotoflüge gegen Vergütung durchgeführt werden. Segelflug wurde ebenfalls in der Gruppe noch betrieben. Bei einem Fliegerlager am Langenberg riß eine Windboe der Startmannschaft die SB3 aus den Händen, die dann führerlos im Tal zerschellte.
Ein erfolgreiches Jahr wurde 1926. Die Gruppe bekam die Anerkennung als Vereins-Fliegerschule. Nun konnte innerhalb der Gruppe der Sportfliegerschein erworben werden. Ein neues Motorflugzeug, eine Hochdecker DP9, wurde angeschafft und ein neues Segelflugzeug, die SB 6 "Till Eulenspiegel" , gebaut. Mit diesem erfolgreichen Flugzeug wurden auf dem Röhnwettbewerb 1926 mehrere Preise gewonnen. Das schon 1926 und dann 1961 zwei Flugzeuge den selben Namen SB 6 bekommen haben, hat folgenden Grund: Die Flugzeuge, die vor dem zweiten Weltkrieg in der Gruppe gebaut wurden, sind fortlaufend numeriert worden, egal ob Segel- oder Motorflugzeug. Nach dem Krieg wurden zur Typenzählung aber nur die Segelflugzeuge eigener Bauart berücksichtigt, dies waren vier. Aus diesem Grund trägt das erste Nachkriegsflugzeug der Gruppe den Namen SB 5.
Durch Flugtage und Reklamebeschriftungen versuchte man, die Kosten für den Motorflug niedrig zu halten. Der Segelflug spielte zu dieser Zeit eine nur untergeordnete Rolle. Die IDAFLIEG schrieb im Jahr 1928 einen Wettbewerb für ein Kleinflugzeug aus. Die Konstruktion MB 12 wurde eingereicht und gewann den zweiten Preis. Die Gruppe entschloß sich zum Bau des Flugzeugs. Im Herbst konnte noch ein Udet-Flamingo BFW U 12a angeschafft werden, der vor allem für Überlandflüge gedacht war.
Drei Flugzeuge verlor man 1929. Die MB4 wurde durch Bruch, die MB 5 wegen Motorschadens und die DP-9 aus Altersschwäche unbrauchbar. Im Lauf des Jahres gelang es jedoch den Verlust der Flugzeuge, durch den Kauf zweier gebrauchter Maschinen zu ersetzen (ein Doppeldecker Raka IIa "Pelikan" und ein Kl 1c "Schwalbe"). Gegen Ende des Jahres mußten die Räume am Bienroder Weg geräumt werden und die Gruppe bezog eine Baracke mit Werkstatt und Geschäftsräumen am Flughafen. Im Jahr 1930 wurde dann in der neuen Werkstatt die MB 12 "Braunschweig" fertiggestellt. Um die Zusammengehörigkeit mit den anderen Akademischen Fliegergruppen zu betonen, änderte die Gruppe ihren Namen in "Akademische Fliegergruppe Braunschweig e.V." , kurz Akaflieg. Einen schweren Rückschlag erlitt man in diesem Jahr, als das Mitglied Gunther Lenz auf einem Flugtag in Goslar mit Kl 1c "Schwalbe" abstürzt und seinen Verletzungen erlag.
Das Jahr 1931 war ein vergleichbar ruhiges Jahr für die Gruppe. Der Pelikan und der Flamingo bekamen zwei neuwertige Siemens Sh II Motoren und die MB 12 wurde überarbeitet. Es konnte das ganze Jahr ein geregelter Flugbetrieb durchgeführt werden. Die ehemaligen Akaflieger schlossen sich zu einem "Altfliegerverband" zusammen und durften die Flugzeuge der Gruppe mitbenutzen. Trotz starker Unterstützung und Bemühungen der Hochschule endet 1933 die freie Betätigung und Selbstbestimmung der Akaflieg mit der nationalsozialistischen Machtergreifung. Fliegerische Betätigung konnte nur noch im Rahmen des NS Deutschen Luftsportverbandes ausgeübt werden.
Das Verhältnis zwischen Technischer Hochschule und Akaflieg soll an dieser Stelle mit ein paar Worten erläutert werden. Es war stets ein Professor im Vorstand der Gruppe und sorgte somit für eine enge Bindung an die Hochschule. Professor Eisenmann war bis zum Jahr 1931 Vorstandsmitglied. Professor Schmitz, ehemaliger Rektor, trat seine Nachfolge an. Er war nicht nur Bindeglied zwischen Hochschule und Gruppe, sondern nahm selber auch regen Anteil am Gruppenleben. Professor Schmitz war es auch zu verdanken, daß Professor Koppe 1930 nach Braunschweig kam und das Institut für Luftfahrtmeßtechnik und Flugmeteorologie gründete. Zwischen diesem Institut und der Akaflieg bestand eine sehr enge Bindung. Man führte regelmäßig Meßflüge für das Institut durch und es wurden einige Diplom- und Studienarbeiten an diesem Lehrstuhl angefertigt.
Im Herbst 1937 gründeten 13 Studenten der Technischen Hochschule eine flugtechnische Gruppe, die der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, Berlin Adlershof, angeschlossen war und als Nachfolgegruppe der Aktivitas der ehemaligen Akaflieg angesehen werden kann. Die ehemaligen Akaflieger hatten sich zu einer "Altherrenschaft der Akaflieg Braunschweig" zusammengeschlossen und unterhielten enge Kontakte zu der Gruppe. Die enge Bindung zur Hochschule und ihren Lehrstühlen ging allerdings verloren. Die Gruppe bekam ihre Mittel von der Versuchsanstalt und mußte dafür auch Aufträge für sie ausführen. Die Tradition der alten FWG konnte aber in dieser Gruppe bis Kriegsende erhalten bleiben.
Nach dem Kriegsende war alles zerstört, was die Studenten der Akaflieg mit Hilfe der Industrie, der Braunschweiger Bevölkerung und der Technischen Hochschule in 23 Jahren erfolgreicher Arbeit für die Fliegerei aufgebaut hatten. Die praktische und flugtheoretische Betätigung war in Deutschland jedoch verboten, so daß keinerlei Hoffnung für einen neuen Anfang bestand.